Vom Nutzbelag zum Gestaltungsbelag

Gepflästertes Berner Wappen aus gelben, schwarzen und roten Natursteinen. Das obere Bild zeigt die aus  olystyrolhartschaum gefertige Schabloneneinlage des Bärs. (Fotos: André Högger)
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Heute noch die Ausnahme – morgen wohl schon ganz selbstverständlich: junge Frau bei der Arbeit an einer Bogenpflästerung.
Vom Nutzbelag zum Gestaltungsbelag

Robert Stadler robert.stadler@vtxmail.ch

Das Pflästerer-Handwerk in der Schweiz setzt gezielt auf eine qualifizierte Ausbildung und weiss sich dadurch auch im 21. Jahrhundert gut zu behaupten. Ein Gespräch mit Armin Seger, Geschäftsführer des Verbandes Schweizerischer Pflästerermeister VSP, über die «Künstler unter den Verkehrswegebauern».

Kunst+Stein: Herr Seger, gibt es zwischen Pflästerern und Steinbildhauern Berührungspunkte oder gemeinsame Interessen?
Armin Seger: Der wichtigste Berührungspunkt ist zweifellos das Material Naturstein. Das allein schafft schon grundlegende Gemeinsamkeiten und Interessen. Für ein erfolgreiten Bildhauer verstehen sich ja als Kunsthandwerker oder auch als Künstler. Die Pflästerer andererseits bezeichnen sich gerne als die «Künstler unter den Verkehrswegebauern».

Wo sehen Sie Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit?
Beispielsweise dann, wenn ein Bildhauer oder eine Bildhaugen Adresse. Man könnte auch sagen: Die Steinbildhauer arbeiten in der Regel vertikal, die Pflästerer horizontal. So ergänzen wir uns gegenseitig. Ein neues gemeinsames Projekt ist die Ausbildung zum «Handwerkerin der Denkmalpflege». Die Zusammenarbeit mit dem Natursteingewerbe und mit dem Garten- und Landschaftsbau ches Arbeiten ist es in beiden Berufen von entscheidender Bedeutung, die spezifischen Eigenschaften und Bearbeitungsmöglichkeiten eines bestimmten Steins zu kennen. Dazu kommt als weitere gemeinsame Voraussetzung ein besonderes Flair für Gestaltung. Die meiserin eine Skulptur auf einem Platz, einem Kreisel oder in einem Garten oder Park realisiert. Diese Objekte lassen sich mit einer passenden attraktiven Umgebungsgestaltung optimal in Szene setzen. Für solche Arbeiten ist man beim Pflästerer sicher an der richtisehe ich als Bereicherung und als Win-Win-Situation.

Wie sind die Schweizer Pflästerer zurzeit ausgelastet?
Unserem Gewerbe geht es gut bis sehr gut. Wer heute eine qualifizierte, professionell ausgeführte Pflästerung in Auf trag geben möchte, muss sich nicht selten ein paar Monate lang gedulden. Wir führen in unserem Verband halbjährliche Umfragen bei etwa einem Fünftel unserer Mitglieder durch. Die neuste Erhebung vom März 2012 bestätigt die ausgezeichnete Auftragslage erneut. Von Wirtschaftskrise ist bei uns wenig bis gar nichts zu spüren. Auch die weiteren Aussichten, soweit überblickbar, sind hervorragend.

Blendend scheint es nicht nur den Pflästererunternehmen, sondern auch den einzelnen Berufsleuten zu gehen. Überall werden Pflästerer gesucht.
Ja, wer heute eine Ausbildung als Pflästerer erfolgreich abschliesst, braucht sich um eine Arbeitsstelle nicht gross zu sorgen. Die Unternehmen reissen sich um solche Leute. Pflästerer müssen aber auch nachweislich etwas können. Schon gleich nach der Ausbildung muss er die volle Verantwortung für ein bestimmtes Objekt übernehmen. Zusammen mit einem Hilfsarbeiter, der ihm die Steine zuführt, ist er ja in der Regel allein auf einer Baustelle und muss das Werk selbstständig abliefern.

Finden sich heute noch genügend junge Leute, die diesen Beruf erlernen möchten?
Momentan wäre der Bedarf nach zusätzlichen Berufsleuten sicher da, von einem Nachwuchsproblem kann aber dennoch nicht die Rede sein. Nebst jungen Leuten, die direkt aus der Schule eine Ausbildung als Pflästerer mit eidgenössischem Fähigkeitsausweis beginnen, gibt es nämlich auch viele, die bereits eine andere Ausbildung – zum Beispiel Maurer oder Gartenbauer – abgeschlossen haben und danach Pflästerer als Zweitberuf erlernen oder solche, die noch keinen Beruf erlernt haben. Dazu bietet der VSP einen Lehrgang für Erwachsene im Sinne von Artikel 32 der eidg. Berufsbildungsverordnung. Mehr als die Hälfte stösst über diese zweijährige Zusatzausbildung zu uns.

Pflästerer ist noch immer ein typischer Männerberuf – oder täuscht das?
Bis vor einigen Jahren war das so. Inzwischen haben sich aber immerhin schon fünf junge Frauen für diesen Beruf entschieden, zwei von ihnen stehen gegenwärtig noch in der Ausbildung und machen eine sehr gute Arbeit. Ein Vorteil in diesem Beruf ist es, dass man sich je nach Eignung und Vorliebe spezialisieren kann. Bei ganz schweren Steinen braucht es natürlich Kraft; für Frauen oder Männer mit einer etwas weniger robusten Konstitution gibt es aber genügend leichtere und dennoch genau so anspruchsvolle Arbeitsgebiete. Wir haben auch festgestellt, dass Frauen auf den Baustellen einen angenehmen Einfluss auf die Männerwelt haben und in der Regel zu einem besseren Betriebsklima beitragen.

Wie ist das schweizerische Pflästerergewerbe strukturiert? Gab es diesbezüglich in den letzten Jahren grössere Veränderungen?
Zurzeit zählt unsere Branche etwa 3500 Beschäftigte, Hilfskräfte eingerechnet. Bei den meisten Unternehmen handelt es sich um Kleinbetriebe mit drei bis fünf Mitarbeitenden. Es bestehen aber auch zahlreiche mittelgrosse und einige Grossbetriebe mit bis zu 70 Pflästerern. Dazu kommen die Pflästererabteilungen von einigen grossen Bauunternehmen, sowie jene von Garten- und Landschaftsbaubetrieben. Daneben gibt es aber auch in unserem Gewerbe viele qualifizierte Einmannbetriebe. Grössere strukturelle Veränderungen konnten wir in den letzten Jahren keine feststellen.

Viele Pflästerungen entstehen in Gärten und Pärken. Sehen die Pflästererbetriebe die Garten- Landschaftsbauer als Mitbewerber?
Wir arbeiten traditionell sehr eng mit dieser Berufsgruppe zusammen. Manche Garten- Landschaftsbauer verfügen, wie bereits gesagt, über eine eigene Pflästererabteilung, andere vergeben die Arbeiten im Unterakkord an spezialisierte Pflästererbetriebe. Ich beurteile dies nicht als Konkurrenzsituation. Wir pflegen mit dem Verband JardinSuisse sehr gute Beziehungen, vor allem in der Ausbildung. Jedes Jahr kommen etwa 150 bis 200 Kursteilnehmende aus dem Gartenund Landschaftsbau zu uns ins Bildungs- und Berufszentrum (BBZ) nach Alpnach.

Das BBZ besteht seit bald zehn Jahren. Wie hat sich der Betrieb in dieser Zeit entwickelt?
Unser verbandseigenes BBZ ist die einzige Aus- und Weiterbildungsstätte im deutschsprachigen Europa, die den Schwerpunkt auf die praktische Pflästererausbildung legt. Das Bedürfnis danach ist sehr gross, nicht nur in der Schweiz selbst. Deutschland – früher das Pflästererland par excellence – hat nämlich vor dreissig Jahren unbegreiflicherweise den Pflästererberuf abgeschafft und ihn in einen nur zweiwöchigen Einführungskurs innerhalb der Strassenbauerausbildung integriert. Jetzt fehlen den Deutschen die Pflästererspezialisten. Und weil sie selbst keine entsprechend qualifizierte Ausbildung mehr haben, kommen sie gleich klassenweise zu uns. Hauptaufgabe des BBZ ist es aber noch immer, unseren eigenen gelernten Pflästerern eine qualifizierte Weiterbildungsmöglichkeit zu bieten. Unsere Kurse werden aber auch von anderen Berufsleuten geschätzt, vor allem von solchen aus dem Garten- und Landschaftsbau, aus Gemeindebetrieben, aber beispielsweise auch von angehenden Architekten. Die Nachfrage ist inzwischen so gross, dass wir während vierzig Wochen belegt sind, aber dennoch eine Warteliste besteht. Es gibt Interessenten, die sich bereits für 2013 angemeldet haben, aus Angst, sie könnten sonst keinen Platz mehr finden. Kurz: Das BBZ bewährt sich sehr gut. Das haben wir zu einem schönen Teil sicher auch der sehr professionellen Leitung von André Högger zu verdanken. Was ausserdem besonders geschätzt wird: Das BBZ ist eine neutrale Institution, also von keinem bestimmten Unternehmen gesteuert. Dadurch werden wir gerne auch von Ämtern, Architekturbüros oder Ingenieurbüros konsultiert, wenn es um die Planung oder Ausführung anspruchsvoller Pflästerungsprojekte geht. Wir können dabei immer von einer neutralen Warte aus für den Naturstein sprechen.

Welche Natursteine sind als Pflastermaterial zurzeit besonders beliebt?
Lange Zeit war bei uns der rötliche Porphyr aus dem Südtirol ein besonders häufig gewähltes Pflastermaterial. Heute ist das deutlich weniger der Fall. Ein zeitloser und der wichtigste Pflasterstein aus der Schweiz selbst ist der Guber Quarzsandstein aus Alpnach. Früher gab es auch im Tessin viele Pflastersteinproduzenten, heute nur noch wenige. Nach wie vor werden Tessiner Gneise aber oft in Form von Randabschlüssen eingesetzt. Die meisten der in der Schweiz verwendeten Pflastersteine, schätzungsweise 80 Prozent, stammen aus dem Ausland.

Woher kommen diese?
Aus Asien, aus Südamerika, viele aber auch aus europäischen Ländern wie Portugal, Italien, Österreich, Polen oder der Türkei. Die Schweiz hätte nicht genügend eigenes Pflastermaterial. Das liegt weniger an ungenügenden Vorkommen als an der Tatsache, dass die Eröffnung neuer Steinbrüche mit sehr hohen Auflagen – etwa bezüglich Rekultivierung – verbunden sind.

Nun sind aber vor allem Natursteine aus Asien in den letzten Jahren vermehrt in die öffentliche Kritik geraten. Sie seien preislich deshalb so günstig, weil in diesen Ländern als Arbeitskräfte auch Kinder eingesetzt würden. Wie stellen Sie sich dazu?
Wer keine Argumente mehr hat, der spricht bei asiatischen Steinen gerne einmal von angeblicher Kinderarbeit oder anderen «unethischen» Produktionsmethoden. Das ist – so generell – einfach nicht wahr. Ich selbst hatte schon Gelegenheit, mir Steinbrüche und Steinverarbeitungswerke in Vietnam anzusehen und habe nirgends Kinderarbeit oder unmenschliche Arbeitsbedingungen vorfinden können. Ich will damit nicht sagen, dass es das nicht auch gibt. Aber man darf nicht einfach alle über den gleichen Leisten schlagen. Das ist unfair gegenüber jenen Unternehmen, die sich nachweislich um bessere Arbeitsbedingungen bemühen. In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Importeure aus Deutschland, der Schweiz und dem Fürstentum Lichtenstein dem Label «Fair Stone» angeschlossen. Es verpflichtet die Unternehmen zu klar definierten und an Ort von unabhängigen Beobachtern kontrollierten Standards.

Wird heute vermehrt mit Betonverbundsteinen gepflästert?
Einst waren Pflästerungen reine Nutzbeläge, inzwischen haben sie sich zu Gestaltungsbelägen gewandelt. Das heisst: Eine Pflästerung dient nicht nur einem bestimmten Gebrauchszweck wie etwa ein Asphaltoder ein Betonbelag, sondern soll auch optisch ein Gewinn sein. Dabei stellt sich dem Kunden die Frage: Will ich einen echten Pflasterstein oder eine Imitation in Form eines Betonverbundsteins? Letztere haben sicher auch ihre Vorteile und ihre Berechtigung. Sie sind, weil regelmässig, einfacher zu verlegen. Aber ein Betonstein wirkt mit der Zeit hässlich und geht schneller kaputt als der viel dauerhaftere natürliche Pflasterstein. Naturstein erhält mit dem Älterwerden eine Patina und beginnt damit erst richtig zu leben. Oft ist es so, dass sich Bauherren aus Spargründen zunächst für einen Betonverbundstein entscheiden, bei einer späteren Sanierung dann aber einer Natursteinpflästerung den Vorzug geben. Eigentlich sind Betonverbundsteine aber eher eine Altnative zu Schwarz- oder vollflächigen Betonbelägen. Eine echte Natursteinpflästerung ist konkurrenzlos.

Welche Entwicklungen lassen sich bei der Ausführung von Natursteinpflästerungen intechnischer Hinsicht beobachten? Gibt es da noch Potenzial für Rationalisierungen?
Am effektiven Prozess des Pflästerns hat sich im Laufe der Zeit nur wenig verändert. Die Auswahl der Steine, das Erstellen des Fugenbildes und das Einklopfen der Steine auf die richtige Höhe geschehen noch auf gleiche Weise wie früher. Diese Handarbeit lässt sich nicht ersetzen. Anders ist es bei der Verdichtung. Hier wird heute nicht mehr wie einst der Stössel verwendet, stattdessen kommen maschinelle Vibrationsgeräte zum Einsatz. Dies ist allein schon aufgrund der höheren Belastung der Beläge notwendig. Auch die Herstellung der Pflastersteine, das Spalten und Abkanten, erfolgen heute mit maschineller Unterstützung.

Was hat sich bei der Verfugung verändert?
Frühere Pflästerungen waren grösstenteils ungebunden, das heisst, die Fugen wurden nur eingesandet. Aus Gründen der höheren Belastung und der einfacheren Reinigung mit Maschinen werden heute vor allem in städtischen Gebieten gebundene, also vermörtelte Beläge erstellt. Auch die Mischbauweise – die Kombination gesandet mit Kalk stabilisiert – erlebt zurzeit einen Aufschwung. Sie hat den Vorteil, dass man die fertige Pflästerung mit einem Wasserstrahl reinigen kann, ohne dass der Sand deswegen ausgeschwemmt wird. Für hohe Belastungen ist sie aber nicht geeignet.

Was ist bei der Planung und Ausführung von Pflästerungen in Gärten und Parkanlagen besonders zu beachten?
Hier – wie auch in Innenhöfen und Gassen – sind ungebundene Beläge zweifellos am richtigen Ort. Sie wirken wie eine Klimaanlage im Freien. Bei einem Gewitter werden die Fugen mit Feuchtigkeit gefüllt und spatter geben sie diese wieder langsam an die Umgebung ab. Das können starre Beläge nicht. Zu berücksichtigen ist auch, dass sich bei diesen der Naturstein fest mit dem Zement verbindet und später meist nur unter Zerstörung wieder aus dem Belag gelöst werden können. Bei der ungebundenen Bauweise können die Steine dagegen auch nach Jahrzehnten problemlos wieder verwendet werden.

Stellen Sie bei den Pflästerungsarten gewisse Trends fest?
Immer häufiger sind Intarsien wie Wappen oder andere Verzierungen in unterschiedlich farbigen Natursteinen. Diese sind in der Ausführung natürlich oft besonders anspruchsvoll und eine spezielle Herausforderung für den Pflästerer. Die traditionellen Pflästerungsarten – Reihenpflästerung, Bogenpflästerung, Kreispflästerung, Schuppenpflästerung, Diagonalpflästerung und andere – sind weiterhin sehr beliebt. Generell kann man hier keine eindeutigen Trends beobachten. Als Pflästerer schaut man sich immer erst die Situation genau an und empfiehlt dem Bauherrn dann die dazu geeignete Pflästerung. Letztlich ist es aber natürlich immer der Kunde, der entscheidet.
 

Armin Seger machte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete danach während mehreren Jahren beim Bund, bei internationalen Organisationen in Genf und im Amt für Berufsbildung des Kantons Zürich. Seit 1982 ist er zu je 50 Prozent als Bezirksrichter in Bülach und als Geschäftsführer des Verbandes Schweizer Pflästerermeister (VSP) mit Sitz ebenfalls in Bülach tätig. Dem VSP sind rund 80 Unternehmen angeschlossen. Armin Seger ist ausserdem Geschäftsführer der IG Naturstein, einem Zusammenschluss von Pflästererfachleuten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.

 

 

 

*Foto 2 - 6.- Im Rahmen seines 100-Jahr-Jubliäums machte der Verband Schweizer Pflästerermeister dem Kloster Fischingen ein Geschenk in Form einer Neupflästerung des Klostervorplatzes. Das Ornament stellt das Klosterwappen dar. Verwendete Natursteine sind dunkler Basalt und heller Granit. Die Bilder zeigen den Pflästerungsprozess, einschliesslich Verfugen und Reinigen. Nebst dem Ornament wurden bei dieser Goodwill-Projektarbeit zusätzlich 250 Quadratmeter Segementbogenplästerung erstellt. Das unterste Bild zeigt die beteiligten jungen Pflästerer aus der Schweiz, Deutschland und Österreich nach Abschluss der erfolgreichen gemeinsamen Arbeit. (Fotos: André Högger)