Entwicklungen im Natursteinsektor 2016 in Deutschland

Bei all den Klagen Tag für Tag angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise, hoher Verschuldung, Arbeitslosigkeit und schwachem Wachstum verliert man leicht aus den Augen, dass es tatsächlich auch Märkte in der Natursteinindustrie gibt, denen es recht gut geht. Und wir sprechen hier nicht etwa von einem kleinen neu aufkommenden Markt, der in den letzten fünf Jahren ein erstaunliches Wachstum hingelegt hat und so in den Fokus der Weltöffentlichkeit gelangt ist. Wir sprechen hier über kein anderes Land als Deutschland, diesem Land mit mehr als 80 Millionen Einwohnern und einer sehr stabilen Wirtschaft. Um ein Bild von der Lage dort zu bekommen, haben wir verschiedene Interviews geführt, vor allem mit großen Steinimporteuren, um ihre Ansichten und Eindrücke zu hören.

Ein Aspekt kam bei all den Treffen sofort zur Sprache. Selbst in einem so ökologisch ausgerichteten Land, in dem alles Natürliche hochgeschätzt wird, ist Kunststein in letzter Zeit auf dem Vormarsch – und zwar in solchem Ausmaß, dass Natursteinunternehmen in allen möglichen Ländern, ob im Abbau oder in der Weiterverarbeitung tätig, langsam aufwachen sollten. Durch die Fortschritte beim 3D-Druck und andere technische Neuerungen können Keramikfliesen hergestellt werden, die praktisch wie Naturstein aussehen, und das in einer Qualität, die es manchmal selbst einem Fachmann schwer macht, den Unterschied zu erkennen. Viele Firmen berichten, dass in Deutschland im Zuge der verbesserten Wirtschaftslage die Bautätigkeit zwar ohne jeden Zweifel zunimmt, die Nachfrage nach Naturstein jedoch nur schwach gestiegen ist. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Kunststein ganz erheblich gewachsen. Verschiedenste Argumente der Kunststeinlieferanten sprechen für eine zunehmende Akzeptanz in dieser Welt der Kopien und Nachahmungen – die Steinmetze würden die großen Platten schätzen, die leichte Pflege wäre ein Pluspunkt für den Endverbraucher, und die Steingroßhändler würde die problemlose Verfügbarkeit in unbegrenzter Menge überzeugen. Außerdem ist es Fakt, dass Kunststein zu recht hohen Preisen verkauft wird, so dass alle Beteiligten in der logistischen Kette davon profitieren. Billiger Naturstein und letztendlich jedes billige Produkt ist für fast die gesamte Vertriebskette nicht mehr lukrativ – darin steckt viel weniger Profit, obwohl der Aufwand, der finanzielle Einsatz und die Risiken gleich bleiben.
 
 
Jos Simmons von Michel Oprey & Beistervel mit Sitz in den Niederlanden, aber einem erheblichen Vertriebsanteil in Deutschland, sagt, dass Architekten große Formate für ihre Projekte wollen, dabei aber nicht mehr auf Naturstein bestehen.
Zudem gibt es Kunststein jetzt in einer Dicke von 6 mm ohne Netz. Ein weiterer Wandel hat sich vollzogen – so verwenden Architekten oft Natur- und Kunststein nebeneinander. In einer Hotellobby beispielsweise, an Stellen, wo sehr viel Publikumsverkehr herrscht, verwendet man womöglich Kunststein. Doch dort, wo in der Lobby die Sofas und Stühle stehen, wo der Gast sich niederlässt, nimmt man immer noch lieber Naturstein, weil nur echter Stein wirklich edel aussieht. Die Kunststeinfirmen schneiden auch beim Marketing viel besser ab. In Ausstellungsräumen sorgen sie für eine attraktivere Präsentation. Von Anfang an bieten sie Testergebnisse zu ihren Materialen, denn es ist ihnen anders als den Natursteinunternehmen völlig klar, dass kein Architekt ein Material einsetzen wird, von dem er nicht von Vorneherein die Testergebnisse kennt.
 
ROSSITTIS ist einer der bekanntesten Importeure in Deutschland und gleichzeitig das größte Unternehmen in dem Bereich. Sie haben drei riesige Lagerhäuser in verschiedenen Städten, und zwar in Holzwickede, Brinkum und Waldorf. Des Weiteren gehört ihnen ein Steinbruch in Brasilien.  Gerhard Rossittis, Geschäftsführer der Firma, ist offiziell in Rente, aber immer noch genauso aktiv und leidenschaftlich im Geschäft wie als junger Mann. Seiner Ansicht nach hält sich die Nachfrage nach Naturstein stabil. Marketing spielt in der heutigen Geschäftswelt eine große Rolle und bei Kunststein hat man sich geschickterweise auf Einzelhändler konzentriert. Für ihn ist Kunststein jedoch eine Modeerscheinung mit einer Lebensdauer von vielleicht zehn oder zwölf Jahren. Endbehandlungen mit Lederfinish, Wasserstrahl, geflammt, etc., all das ist mit Kunststein einfach nicht machbar und einzig dem Naturstein vorbehalten. Er betont außerdem, dass Keramikfliesen nicht mit normalen Diamantwerkzeugen geschnitten werden können, was momentan ein Problem für Steinmetze darstellt. Aber er gibt schon zu, dass im Innenbereich mehr Kunststein eingesetzt wird. Dennoch wird Naturstein seine Daseinsberechtigung nicht verlieren, da ist er sich ganz sicher.
 
Die Baubranche hat in den letzten beiden Jahren eine Wiederbelebung erfahren. Sowohl im gewerblichen als auch im Wohnungsbausektor sind Zuwächse zu verzeichnen. Ein ungewöhnlicher Aspekt tritt im Wohnungsbau auf, nämlich dass das Wachstum im Gegensatz zu anderen Ländern hier von den über 60-Jährigen vorangetrieben wird. Die ältere Generation, die häufig bereits in Rente ist, renoviert ihr Zuhause und setzt hier vorzugsweise auf Naturstein. Jüngere Deutsche, Niederländer ebenso wie vermutlich junge Menschen aus anderen Ländern hingegen geben ihr verfügbares Einkommen lieber für Erlebnisse aus, z.B. ein Wochenende auf Ibiza, als dass sie sich etwas anschaffen. Diese neue soziale Entwicklung wird auch von Automobilherstellern beobachtet, die in dieser demographischen Gruppe im Verhältnis weniger verkaufen.
 
Albert Platte, bei NATURSTEIN RISSE in Anrochte für Marketing verantwortlich, betrachtet Deutschland nicht zuletzt wegen der niedrigen Zinsen auch als Wachstumsmarkt. Er meint, dass bei Keramikplatten und –fliesen die Marktpräsenz noch ausgebaut werden wird. Keramik wird in allen Anwendungsbereichen eingesetzt. Nicht nur seiner Meinung nach ist das größte Problem der Branche der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern. Deutsche suchen sich eher andere Berufe, so dass angesichts des Mangels an Arbeitskräften mehr Ausländer beschäftigt werden.
 
Albert Killing von der Firma ALBERT KILLING NATURSTEINBETRIEB GmbH, ebenfalls in Anrochte, denkt, dass Naturstein schon seine Nische auf dem Markt behalten wird, dass der Marktanteil jedoch schrumpfen wird. Das Argument, dass Kunststein weniger pflegeintensiv ist, zieht besonders im Mietwohnungsbau. Auch im Außenbereich gewinnt Keramik Marktanteile aufgrund der einfacheren Handhabung. Für ihn spielt auch eine wichtige Rolle, dass die Keramikindustrie so marketingorientiert ist. Außerdem ist die Technik jetzt so weit, dass jede einzelne Keramikfliese anders aussieht.
 
Reiner Krug, Geschäftsführer des Deutschen Natursteinverbandes bestätigt die positive Entwicklung im deutschen Bausektor. Die niedrigen Zinsen ermutigen viele Menschen in Neubauten zur Vermietung zu investieren und damit mehr aus ihrem Geld zu machen. Auch von der öffentlichen Hand wird im ganzen Land viel gebaut. Renovierungen von Eigenheimen nehmen zu und Gartenbesitzer geben ihrem Garten gerne mit Naturstein ihre persönliche Note. Bei Küchenarbeitsplatten hat Naturstein weiterhin einen Marktanteil von 50%. Kalkstein aus Deutschland, Italien und Spanien ist momentan angesagt. Auch wird zunehmend Travertin aus der Türkei und Italien verwendet. Architekten bevorzugen einfarbige Steine, wodurch sandgestrahlte, geflammte und scharrierte Oberflächen gefragt sind.
 
Insgesamt bekommt man also einen sehr positiven Eindruck von der Lage der Baubranche in Deutschland. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Natursteinindustrie vor neuen, nie da gewesenen Herausforderungen steht, nämlich dass alles gnadenlos kopiert wird. Wie man sich dieser Herausforderung stellt, wird letzten Endes über den Erfolg der Branche entscheiden.